Pfaueninsel – Thomas Hettche

Heute etwas Anderes, heute mal auf Deutsch: die Rezension des im Sommer 2014 erschienenen Romans Pfaueninsel von Thomas Hettche. Er erhielt für das Buch des Deutschen Buchpreis 2014. Ein kürzlicher Besuch auf der Havelinsel inspirierte mich, den Roman zur Hand zu nehmen.

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die berühmten blauen Hortensien

Hier meine Eindrücke:

Ein wundersames Buch über ein Stück Berliner, genauer Preußischer Geschichte in Form der Biografie der kleinwüchsigen Schloßfräuleins Maria Dorothea Strakon. Durchzogen von intensiven Beschreibungen der Gartenlandschaft der Pfaueninsel, der Seenblicke, des industriellen Berlin und seiner düsteren Hinterhöfe führt der Autor Thomas Hettche die Entwicklung des Landes zur Stadtvor:, die Geschichte der Insel als Geschichte einer vergehenden Epoche.

Doch das Buch ist unentschieden. Was will der Autor? Roman oder historischen Abriss? Intensiv recherchiert verlieren sich die Zeilen in einem Zuviel an Daten, Namen, Informationen. Gelegentliche plötzliche Perspektivwechsel, inkonsistenter Sprachstil und überlange historische Einschübe in ansonsten kurzen Sätzen erschweren das Lesegefühl. Als würde man hinausgestoßen aus der fesselnden Erzählung in einen Lexikonartikel. Und die – vor allem zum Ende hin – sich häufenden Verweise auf Zwerge als Berg(werks)volk mögen historisch korrekt im Raum stehen, sind aber als Selbstreflexion der Kleinwüchsigen Marie nahezu unhöflich.

Der Autor – Thomas Hettche – ist ein erfahrener Autor und Journalist. Seine Fertigkeiten sind erkennbar in wunderbar gebauten Sätzen, in der journalistischen Exaktheit der Orte, Zeiten und Verhältnisse. Aber genau darin liegt dann auch seine Schwäche. Der Autor weiß zu viel und kann sich nicht entscheiden, was er mitteilen will. Den Roman zu verschlanken und ihm stattdessen ein Nachwort zur historischen Einordnung und Kartenmaterial beizugeben wäre überlegenswert gewesen. Ich schätze erotische Literatur sehr – aber warum die philosophischen Überlegungen? (liest man dann, der Autor habe darüber ein eigenes Werk verfasst, wird erneut deutlich: ein zu Viel, eine Unentschiedenheit des Anspruchs an das Buch spricht aus solchen Passagen)

Dennoch: ein Buch das nicht nur neugierig auf den Ort und seine Geschichte macht, sondern auch eine ungewöhnliche Geschichte erzählt. Die Figur der Maria Dorothea Strakon – über deren ungewöhnlichen Nachnamen ich gern mehr erfahren hätte – ist es wert, aus der Geschichte heraufgeholt zu werden.

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die Überreste des Palemhauses

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