João Ricardo Pedro – Wohin der Wind uns weht

Wohin der Wind uns weht (im Original: O Teu Rosto Será o Último; Dein Gesicht wird das Letzte/der Abschluss sein) erschienen im Juni 2015 bei Suhrkamp ist der Debutroman des 1973 geborenen Ingenieurs João Ricardo Pedro.

Verwinkelte Pfade führen durch 40 Jahre Familien- und Staatsgeschichte. Eine Geschichte von Jungen die grausame Rache nehmen – an beißwütigen Hunden und familiärer/gesellschaftlicher Moral – und sich dabei selbst bestrafen; von Jungen die Fragen stellen und Antworten bekommen von Männern, die einmal Jungen waren und Fragen in sich tragen. Die Erzählweise Pedros ist nicht linear, sie folgt Assoziationen, historischen Notwendigkeiten und seiner eigenen sprachlichen Beweglichkeit. Und diese ist erstaunlich: Der Roman spart nicht mit grausamen Details, bleibt aber immer poetisch und fesselnd. Nie kommt ein Gefühl des Zu-Viel auf, trotz einer dichten Abfolge von Metaphern, Gedankenläufen, sich in Beschreibungen nahezu verlierenden Nahaufnahmen: fotografische Genauigkeit in Nebensächlichkeiten, so hyperrealistisch, dass die Erzählung streckenweise sur-realistisch anmutet. Diese dichte Sprache João Ricardo Pedros hat mich restlos begeistert. Ein wenig lang geworden ist nur der Abschnitt über die musikalischen Ambitionen des Mendes-Sprößlings Duarte. Hier verliert sich der Roman und dabei auch seinen Faden.

Das erste Lesen war wie gefesselt, getrieben von Neugierde auf mehr Details, mehr Hintergründe – nicht völlig restlos befriedigt am Ende. Und dann wieder doch – konnte ich doch nur schwer aufhören, über die Handlung und seine Protagonisten nachzudenken. Jetzt, beim zweiten Lesen, fällt mir neues in Auge. Wie die christlich-mythologischen Zahlenspiele, die einen heftigen, zugleich fast spielerischen Kontrast zu den zeitgeschichtlichen Gegebenheiten provozieren – zwischen Diktatur, Kolonialkriegen, Revolution und Republik(en). Wenngleich unter Salazar und Caetano die katholische Kirche machtvoll die Unterdrückung der republikanischen Opposition(en) unterstützte. Der erste „Held“ des Romans – Celestino (nichts weiter) – wird denn auch an einer Stelle „Genosse“ genannt. Er ist einer der historischen Anker der Geschichte, wenngleich (verwandter) Fremder, über den, jedoch kaum mit dem gesprochen wird.

O Teu Rosto Será o Último – im Original in etwa: Dein Gesicht wird das Letzte/der Abschluss sein – hat das Zeug zu einem Roman zu werden, der in Erinnerung bleibt, den man immer wieder lesen wird. In einer wunderbar flüssigen, die Poesie des portugiesischen Originals wiedergebenden Übersetzung von der erfahrenen Marianne Gareis kann dieses starke literarische Debut nicht nur ein Einstieg in die portugiesische Literatur werden, sondern auch in seine Geschichte. Der einzige Wehmutstropfen: der deutsche Titel. Dessen Auswahl scheint mit wenig geglückt, trägt er denn weder dem Original noch der Komplexität der Geschichte Rechnung.

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